Es gibt Dinge, die gehören einfach nicht zusammen. Filterkaffee und laktosefreie Hafermilch. Ein staufreier Montag auf der B1. Oder das Wort „Cashless-Payment“ im tiefsten Dortmunder Westfalenpark. Ich habe mich da mal hingesetzt und das auf mich wirken lassen. Das Juicy Beats Festival findet wieder statt. Nach einem Jahr der absoluten Ungewissheit, in dem man fast dachte, der Strukturwandel hätte nun endgültig auch die Bässe geschluckt, wird wieder gefeiert. Aber anders. Kleiner. Kürzer. Nur noch ein Tag. Fünfzehn Stunden. Der Veranstalter sagt allen Ernstes, man komprimiere zwei Tage Party in 15 Stunden. Das ist ein faszinierendes Konzept. Das ist ungefähr so, als würde man versuchen, einen zweiwöchigen All-Inclusive-Urlaub auf Mallorca in einem 45-minütigen Aufenthalt im Wellenbad Herne zusammenzufassen, inklusive Sonnenbrand und Magenverstimmung.
Wissen Sie, 15 Stunden Dauerbeschallung. Das ist kein Festival mehr, das ist eine Doppelschicht unter Tage, nur eben mit der Headlinerin Ikkimel statt einem Presslufthammer. Ikkimel, provokant, selbstbewusst, die erste weibliche Headlinerin in der Geschichte des Festivals. Ein Segen für das Line-Up. Und während die Jugend vor der Hauptbühne die absoluten Grenzen der eigenen Physis testet, stehen die traditionellen Parkbesucher vermutlich am Rand und wundern sich. Der Westfalenpark ist ja eigentlich ein Ort der Besinnung. Da guckt man sich das Rosarium an, fährt eine Runde mit der Seilbahn, die ungefähr so rasant beschleunigt wie ein sedierter Rollator, und isst im Café ein ehrliches Stück Bienenstich. Und jetzt? Jetzt wird da ein Bass in die Wiese gepumpt, dass die heimischen Maulwürfe vermutlich freiwillig Asyl in Bochum beantragen.
Aber das wirklich Schöne, das eigentlich Absurde an der Geschichte ist ja die moderne Infrastruktur. Ruhig atmen. Es gibt jetzt Bändchen mit Chip. Bargeldloses Bezahlen. Stellen Sie sich das mal plastisch vor. Der gemeine Dortmunder, der sein Lebtag lang die Mantaplatte an der Bude passend mit Kleingeld aus der Hosentasche bezahlt hat – Münzen, die so lange in der Jeans rieben, dass sie keine Prägung mehr haben –, dieser Mann steht jetzt vor einem Bierstand und soll seinen Arm über einen Scanner halten. Wie bei einer fehlerhaften Gepäckabfertigung am Flughafen Düsseldorf. Wenn dieses System ausfällt, und im Ruhrgebiet fällt eigentlich immer irgendetwas aus, dann stehen da tausende Menschen mit unbrauchbaren Chips am Handgelenk und gucken durstig auf frisch gezapftes Pils, das sie nicht kaufen dürfen. Das ist dann kein Festival mehr, das ist ein knallhartes soziologisches Überlebenstraining.
Auch das Camping fällt in diesem Jahr komplett weg. Ein Segen, wenn wir ehrlich sind. Camping im Ruhrgebiet ist ohnehin eine Illusion, der man sich nicht freiwillig hingeben sollte. Man schläft hier nicht im Zelt, man wartet in einer textilen Feuchtraumzelle auf den nächsten Regenschauer, während einem die Autobahngeräusche der B1 als absurdes Wiegenlied dienen. Stattdessen gibt es das VRR-Ticket inklusive. Man kann also nach 15 Stunden komprimierter Ekstase tief in der Nacht mit der U-Bahn nach Hause fahren. Gemeinsam mit Leuten, die einfach nur von der Frühschicht kommen und sich fragen, warum der Typ neben ihnen Glitzer im Gesicht hat, nach abgestandenem Bier riecht und völlig apathisch versucht, sich mit seinem Handgelenk an der Haltestange einzuloggen.
Wir müssen uns eingestehen: Es ist völlig in Ordnung, dass das Juicy Beats dieses Jahr nur einen Tag dauert. Wir sind doch alle müde. Eine 15-Stunden-Party ist das absolute Maximum an Lebensfreude, das der westfälische Stoffwechsel am Stück verarbeiten kann, bevor die gewohnte Melancholie wieder übernimmt. Nächstes Jahr soll es wieder zwei Tage gehen, heißt es. Bis dahin haben wir uns vielleicht auch an den Chip am Handgelenk gewöhnt oder verstanden, wie man zwei Tage Spaß in einen einzigen Nachmittag presst, ohne dass der Orthopäde meckert. Bis dahin bleiben wir stoisch, laden unsere Bändchen auf und freuen uns, dass es überhaupt noch Orte gibt, an denen der Bass lauter ist als das Rauschen des ewigen Nieselregens. Glück auf.
Quelle: Original-Artikel: WDR, „Juicy Beats in Dortmund: ‚Wir wollen zeigen, wie toll man im Ruhrgebiet feiern kann'“ Link: WDR Bericht lesen