Ich habe mich da mal hingesetzt und die Nachrichten studiert. Wissen Sie, in Herne, genauer gesagt auf dem Gelände der historischen Zeche Pluto, hat man kürzlich eine neue Halle hochgezogen. Zehn Millionen Euro hat das gekostet. Eine Garage, wenn man es genau nimmt. Allerdings nicht für den klapprigen Opel Corsa oder den überdimensionierten SUV des Vorstands, nein. Für Wasserpumpen. Die RAG hat dort ein halbes Dutzend sogenannter Tauchmotorkreiselpumpen fein säuberlich in Reih und Glied aufgehängt. Jedes dieser Geräte wiegt geschmeidige 20 Tonnen und sieht aus wie ein massiver Torpedo. Sie hängen da an dicken Stahlketten und warten stoisch auf ihren Einsatz tief unter der Erde. Ihre Aufgabe? Sie sollen Grubenwasser abpumpen. Und zwar für immer. Es ist, wie die RAG völlig unironisch feststellt, ein Job für die Ewigkeit. Ruhig atmen. Lassen Sie dieses Konzept kurz sacken: Für immer.
Nun ist „Ewigkeit“ ein großes Wort. Normalerweise kennen wir diesen abstrakten zeitlichen Rahmen im Ruhrgebiet nur im Zusammenhang mit dem Ersatzverkehr der Deutschen Bahn, der Fertigstellung einer Autobahnbrücke auf der A45 oder der Wartezeit beim Facharzt für Orthopädie, während draußen der Nieselregen unermüdlich gegen das Milchglas peitscht. Aber hier geht es um Wasser. In einer hochmodernen Leitwarte nebenan sitzen rund um die Uhr zwei sogenannte „Leitwartenfahrer“ vor einer gigantischen Leinwand. Das müssen Sie sich vorstellen wie auf der Kommandobrücke des Raumschiffs Enterprise. Nur dass Captain Kirk und Mr. Spock hier nicht die neutrale Zone überwachen, sondern den Pegelstand in einem vollgelaufenen Schacht in Ibbenbüren. Sie starren auf flackernde Bildschirme und passen auf, dass uns die eigene Geschichte nicht von unten einholt. Ein hochtechnologischer, endloser Kampf gegen ein Element, das einfach nur in Ruhe nach oben sickern will.
Würden diese gigantischen 20-Tonnen-Zäpfchen nämlich nicht pausenlos brummen und das Wasser abpumpen, würde das Ruhrgebiet schlichtweg absaufen. Die Erde ist hier durch den Kohleabbau stellenweise um die zwanzig Meter abgesackt. Ohne die Pumpen wäre die A40 in kürzester Zeit der Canale Grande von Gelsenkirchen. Man könnte morgens mit dem Tretboot vom Förderturm zur Trinkhalle fahren und sich sein Mettbrötchen per Kescher an Bord reichen lassen. Den Neubau der maroden Brücken könnten wir uns komplett sparen; wir würden einfach Gondolieri ausbilden, die leise singend an alten Schornsteinen vorbeischippern. Aber nein, wir pumpen. Wir pumpen stoisch und unerbittlich gegen die Geologie an. Es ist eine Aufgabe von dermaßen epischer Sinnlosigkeit, vergleichbar eigentlich nur mit dem Versuch, die tektonische Verschiebung der Kontinentalplatten mit einem feuchten Stück Kernseife aufzuhalten.
Besonders rührend ist dabei die architektonische Finesse, mit der man dieses nagelneue Gebäude verziert hat. Man hat Photovoltaik-Module an die Außenwände geschraubt. Soweit, so klimaneutral. Aber – und jetzt halten Sie sich fest – man hat diese Module in einer „grau-schwarzen Kohle-Optik“ bestellt. Die offizielle Begründung lautet: „So viel Nostalgie muss sein“. Verstehen Sie? Wir erzeugen modernsten, sauberen Sonnenstrom, aber es soll bitte von Weitem so aussehen, als hätten wir die komplette Fassade liebevoll mit Steinkohle eingerieben. Das ist der Strukturwandel in seiner absoluten Endstufe. Das ist so völlig deplatziert, als würde man Achtsamkeits-Seminare an der Pommesbude anbieten, bei denen man das innere Mantra „Machma noch’n Klecks Mayo“ in den grauen Himmel chanten muss. Wir können die dreckige Vergangenheit einfach nicht loslassen, wir lackieren sie jetzt sogar auf unsere Solarzellen.
Immerhin gibt es Profiteure dieses ewigen Kreislaufs. Das abgepumpte Wasser aus der Zeche Robert Müser zum Beispiel kommt mit muckeligen 28 Grad an die Oberfläche. Das ist warm genug, um die benachbarte Feuerwache zu heizen. Und den Rest leitet man in die Harpener Teiche. Dort sitzen jetzt die Nilgänse im türkisfarbenen Nass, das manchmal ein kleines bisschen nach PCB riecht, und freuen sich über dauerhaft warme Füße. Ein ewiger Kreislauf aus Grubenwasser, Melancholie und Fußbodenheizung für Wasservögel. Am Ende des Tages stehen wir also da, zwischen Torpedo-Pumpen, Kohle-Solarzellen und wärmeverwöhnten Gänsen. Wir pumpen stoisch weiter, Schicht um Schicht, damit uns die eigene Geschichte nicht buchstäblich bis zum Hals steht.
Glück auf.
Quelle: WDR – Grubenwasser das Erbe des Bergbaus: Pumpen für die Ewigkeit