Passen Sie auf. Ich habe heute in der Lokalzeitung etwas gelesen, da musste ich mich erst mal kurz hinsetzen und ein Glas Wasser trinken. Ruhig atmen. Es geht um den Strukturwandel. Ein großes Wort. Klingt wie etwas, das man beim Orthopäden diagnostiziert bekommt. „Herr Sträter, Sie haben da einen leichten Strukturwandel in der Lendenwirbelsäule.“

Aber nein. Es geht um unsere Zechen. Die alten Tempel der Arbeit. Konkret geht es um eine ehemalige Waschkaue in Herne. Da, wo früher Männer mit Kohlenstaub in der Lunge und Stahlkappen an den Füßen nach der Schicht ihre dreckigen Klamotten an Ketten unter die Decke gezogen haben. Ein Ort, an dem es nach Schweiß, Kernseife und ehrlicher, trüber Verzweiflung roch.

Wissen Sie, was da jetzt rein soll? Ein „Co-Working Hub für digitale Nomaden mit Fokus auf Achtsamkeit“. Das müssen Sie sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ein digitaler Nomade in Herne. Das ist jemand, der kein festes Büro hat, aber trotzdem jeden Morgen im Stau auf der A43 steht, weil das hier eben zum guten Ton gehört.

Da sitzen jetzt also demnächst Malte und Sören auf Sitzsäcken aus recyceltem Kaffeesatz, klappen das MacBook auf und pitchen eine App für vegane Hundemassagen. Mitten in der Waschkaue. Sie haben auch angekündigt, dort eine „Vertical-Mooswand“ zu installieren. Für das Raumklima. Moos! Wenn früher unter Tage irgendwo Moos an der Wand hing, wusstest du: Der Stollen säuft gleich ab, lass alles liegen und renn. Heute stellt sich Malte davor, atmet tief aus dem Zwerchfell durch und trinkt einen Iced-Matcha-Latte, der exakt so aussieht wie abgepumptes Grubenwasser, nur dass er acht Euro fuffzig kostet.

Es gibt dort bald auch „Silence-Pods“. Das sind so schalldichte Telefonzellen aus Birkenholz für Zoom-Calls. Mitten in der alten Maschinenhalle. Da stand früher ein Kompressor, der war so laut, dass man noch in Bochum-Wattenscheid sonntags die Tassen im Schrank festhalten musste, wenn der hochgefahren ist. Da wurde nicht gezoomt, da wurde gebrüllt.

Ich finde das ja schön. Wirklich. Ich bin nicht gegen den Fortschritt. Ich freue mich von Herzen, dass unsere Region zukunftssicher wird und wir jetzt alle in der Cloud arbeiten statt im Flöz.

Aber manchmal, ganz tief drinnen, wünsche ich mir, dass Sören beim Brainstorming auf seinem Sitzsack aus Versehen gegen den großen, alten Starkstromschalter an der Wand rollt. Den, den sie aus Denkmalschutzgründen hängen lassen mussten. Nur ganz kurz. Einfach damit der Förderturm draußen einmal massiv ruckelt, eine rostige Lore aus dem Schacht donnert und Maltes Matcha-Latte eine feine, authentische Schicht aus Steinkohlestaub bekommt. Einfach fürs Gefühl.

Glück auf.

Von admin

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