Es gibt Nächte im Ruhrgebiet, da ist der Übergang zwischen banalem Hunger und nackter Panik fließend. Das ist schlichtweg die Grundstimmung hier. Eine 18-jährige Frau steigt in Bochum in ein Uber, um nach Gelsenkirchen zu fahren. Ein Satz, der für sich genommen schon nach einer logistischen und seelischen Belastungsprobe klingt. Der Fahrer, offenbar beseelt von der tragischen Illusion, dass sein Nebenjob im Bereich der „urbanen Mobility-Solutions“ ihn unwiderstehlich macht, wird zudringlich. Er verwechselt die Rückbank seines Wagens mit einem rechtsfreien Raum. Was tut die junge Frau? Sie greift zum Handy, wählt unauffällig die 110 und bestellt beim Polizeinotruf eine Pizza.
Wissen Sie, das ist der Moment, an dem wir alle mal kurz innehalten und tief durchatmen müssen. Stellen Sie sich die Situation in der Leitstelle vor. Gelsenkirchen-Buer. Es ist Wochenende. Der Beamte am anderen Ende der Leitung sitzt da vermutlich mit einer Thermoskanne voll Filterkaffee, der zur Abhärtung zuvor durch ein Stück Kernseife gegossen wurde. Er hat in dieser Schicht schon Menschen am Telefon gehabt, die sich über asymmetrisch geparkte E-Scooter, falsch sortierten Gelben Sack oder rheumatische Beschwerden bei tiefem Luftdruck ausgelassen haben. In einer normalen deutschen Behörde – sagen wir mal, beim Straßenbauamt – hätte man an dieser Stelle ein Formular für „Fehlgeleitete Teigwarenanfragen (Anlage 3b)“ herausgesucht, es in dreifacher Ausfertigung gestempelt und den Anrufer per Fax auf den Dienstweg verwiesen. Die Bearbeitungszeit dieses Vorgangs hätte exakt der Entstehung der Kontinentalplatten oder der Fertigstellung einer Autobahnbrücke auf der A45 entsprochen.
Aber nicht in der Leitstelle Gelsenkirchen. Der Beamte hört die Pizzabestellung und kombiniert nicht: „Der Bürger wähnt mich irrtümlich in der Trattoria am stillgelegten Förderturm.“ Er schaltet schlichtweg schneller als ein hochgezüchteter KI-Algorithmus, der Ihnen auf dem Smartphone völlig deplatzierte Achtsamkeits-Seminare an der örtlichen Trinkhalle andrehen will. Er begreift sofort: Frau. Auto. Notlage. Er erkennt, dass der Belag dieser bestellten Pizza „Gefahr im Verzug“ lautet, serviert mit einer Extraportion Blaulicht. Der sogenannte stille Notruf funktioniert.
Und der Fahrer? Dieser 35-jährige Meister der Übergriffigkeit aus Düsseldorf. Ein Mann, der in seiner unermesslichen Einfalt wirklich glaubte, er sei der unwiderstehliche Casanova der A40. Er sitzt am Steuer, lauscht der Pizzabestellung seiner Beifahrerin und denkt sich vermutlich: „Ach, guck an, wie fürsorglich. Gleich gibt es noch warme Pizzabrötchen für den Weg.“ Bis ihn die harte Realität in Form eines Gelsenkirchener Streifenwagens aus seinen toxischen Träumen reißt. Das Erwachen dürfte härter gewesen sein als ein drei Tage altes Mettbrötchen am Montagmorgen.
Ruhig atmen. Wir lernen aus dieser Geschichte zweierlei. Erstens: Wenn die Zivilisation auf der Strecke zwischen Bochum und Gelsenkirchen plötzlich Risse bekommt, rettet uns nicht die bewertungsbasierte Ride-Sharing-App. Uns rettet die schiere Geistesgegenwart. Die einer 18-jährigen Frau, die in höchster Not einen kühlen Kopf bewahrt. Und die eines Beamten, der den feinen Unterschied zwischen nächtlichem Heißhunger und einem stummen Hilferuf am Tonfall erkennt. Das tröstet mich ein wenig, während ich hier aus dem Fenster in den ewigen Nieselregen blicke. Vielleicht ist die Welt noch nicht komplett verloren, solange wir Leute am Telefon sitzen haben, die wirklich zuhören. Glück auf.
Quelle: Original-Artikel: WDR, „Im Uber belästigt: Gelsenkirchenerin tarnt Notruf als Pizzabestellung“ Link: WDR Bericht lesen