Passen Sie auf. Es ist warm. Das ist zunächst einmal ein banaler physikalischer Fakt, den uns die Meteorologen des WDR mit der unerbittlichen Routine eines Behördenschreibens mitteilen. Der Sommer hat das Ruhrgebiet erreicht. Aber nicht dieser sanfte, flirrende Sommer, den man aus italienischen Schwarz-Weiß-Filmen kennt. Nein, wir sprechen hier von einem aggressiven, feuchtwarmen Dampfbad-Zustand, bei dem man allein durch die Bewegung der Augenlider ins Schwitzen gerät. Die Luft über Herne steht still, sie hat die Viskosität von abgelaufenem Motoröl und schmeckt latent nach warmem Mettbrötchen.

Wissen Sie, der Umgang mit der Hitze trennt hier die Gesellschaft. Der moderne Strukturwandel-Profiteur im Dortmunder Kreuzviertel versucht, den klimatischen Widrigkeiten mit Achtsamkeits-Seminaren am Phönixsee und veganen Iced-Matcha-Bowls zu begegnen. Eine zutiefst nutzlose Strategie. Der klassische Castrop-Rauxeler hingegen bleibt stoisch. Er sitzt mit freiem, leicht gerötetem Oberkörper im Schrebergarten unter einem verblichenen Sonnenschirm der Brauerei Brinkhoff’s und kühlt sich den Nacken mit einem tiefgefrorenen Nackensteak. Das ist nicht elegant, aber es funktioniert.

Ruhig atmen. Wir müssen über die Infrastruktur reden. Der Asphalt auf unseren Lebensadern transformiert sich gerade zurück in seinen Urzustand. Wenn Sie auf der A45 im Stau stehen – und davon gehe ich fest aus –, können Sie live beobachten, wie die Fahrbahnmarkierungen wegschmelzen wie die Polarkappen. Die Hitzeentwicklung im Inneren eines durchschnittlichen Schienenersatzverkehr-Busses der Bogestra gleicht mittlerweile den thermodynamischen Bedingungen, unter denen im Zentrum der Milchstraße neue Sterne geboren werden. Es ist ein unbegreifliches, kosmisches Ereignis, das sich da zwischen der Abfahrt Bochum-Wattenscheid und dem Autobahndreieck Essen-Ost abspielt, während ein älterer Herr mit Cordhut vorne beim Fahrer über die defekte Klimaanlage schimpft.

Ich habe mich da mal hingesetzt und überlegt, was wir tun können. Die Antwort ist einfach. Nichts. Wir kapitulieren in Würde. Wir ziehen die Rollläden herunter, stellen den Standventilator aus dem Baumarkt auf Stufe drei – die Stufe, die klingt wie eine startende Antonov – und warten schweigend auf den November. Der November im Revier ist ehrlich. Da gibt es Nieselregen, kernige Grautöne und verlässlichen Schnupfen. Bis dahin waschen wir uns morgens mit Kernseife, holen uns ein lauwarms Pils aus der Trinkhalle und trinken es zügig aus, bevor das Glas in unseren Händen verdampft.

Glück auf.

Von admin

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