Wissen Sie, es gibt im Ruhrgebiet verlässliche Konstanten. Der graue Nieselregen im November. Der unweigerliche Stau am Autobahnkreuz Kaiserberg. Und eben der Sommerfahrplan der heimischen Fußballvereine. Passen Sie auf. Ich habe mir diese Pläne mal angesehen. Das Wort „Fahrplan“ suggeriert ja an sich schon eine gewisse Zielstrebigkeit. Eine belastbare Struktur. Man steigt in Bochum, Gelsenkirchen oder Dortmund in einen metaphorischen Zug, und der bringt einen dann sicher und pünktlich zum Erfolg. Das ist natürlich blanke Poesie. Wenn der NRW-Fußball ein Fahrplan wäre, dann handelte es sich um den Schienenersatzverkehr der Linie U35 an einem verregneten Dienstagmittag. Man steht im Wind, hofft auf das Beste, und am Ende landet man wieder genau da, wo man angefangen hat. Im grauen Niemandsland der Tabelle.
Bevor der Ball überhaupt rollt, steht jedoch der obligatorische Laktattest an. Ich habe bis heute nicht gänzlich verstanden, was da medizinisch eigentlich gemessen wird, aber es sieht in den Reportagen immer so aus, als würde man versuchen, junge Männer auf einem Laufband an die Grenzen der menschlichen Existenz zu treiben. Dem teuren Neuzugang aus Südamerika, der gerade erst mit Jetlag aus dem Flugzeug gestiegen ist, wird ein Schlauch in den Mund gesteckt, und dann muss er rennen. Draußen fallen sanfte, graue Tropfen aus dem Wolkenhimmel über das Revier. Es ist Mitte Juli, aber es fühlt sich an wie ein milder November. Der Neuzugang schaut durch die beschlagene Fensterscheibe auf den Förderturm in der Ferne und fragt sich stumm, ob sein Berater den Vertrag bei der Übersetzung vielleicht etwas geschönt hat. Das ist der Moment, in dem die romantische Idee des europäischen Spitzenfußballs an der nackten Realität von Waschbeton und Nieselregen abprallt.
Dann folgen die Testspiele. Das ist eine faszinierende, fast schon absurde Phase der Saison. Hochbezahlte Athleten, deren Körperfettanteil unter dem einer handelsüblichen Salatgurke liegt, fahren mit hochglanzpolierten Mannschaftsbussen in die tiefe Provinz. Da spielen sie dann gegen die Kreisauswahl von Erkenschwick oder einen Verein aus dem Sauerland, dessen Name nach einem Hustensaft klingt. Stellen Sie sich das vor. Da trifft ein linksfüßiger Spielmacher, der einen eigenen Ernährungsberater und drei Social-Media-Manager beschäftigt, auf den Rechtsverteidiger der Heimmannschaft. Der Mann heißt meistens Dennis, arbeitet hauptberuflich als Trockenbauer und hat zum Aufwärmen ein halbes Mettbrötchen und eine kühle Apfelschorle mit einem Schuss Pils konsumiert. Das ist kein Sport, das ist eine soziologische Feldstudie. Dennis grätscht den Millionär an der Außenlinie routiniert in die Werbebande für den örtlichen Dachdeckerbetrieb. Das ist eine physische Härte, dagegen ist das Verschieben der eurasischen Kontinentalplatten ein zärtliches Streicheln.
Und dann reist man ins Trainingslager. Man fährt ja heute nicht mehr einfach in den angrenzenden Wald, um Medizinbälle zu werfen. Nein, man reist in die Alpen. Da wird dann nicht nur der Ball getreten, da wird das Mindset justiert. Ich habe gelesen, dass es mittlerweile Achtsamkeits-Seminare zwischen den Übungseinheiten gibt. Ich stelle mir das in der Realität recht komplex vor. Ein Trainer, der aussieht, als würde er sich morgens am liebsten noch mit Kernseife waschen, erklärt einer Gruppe von jungen Männern mit Kopfhörern, die so groß sind wie Radkappen, dass sie jetzt mal in sich hineinspüren sollen. Der Strukturwandel macht eben auch vor dem Strafraum nicht halt. Wo früher geschrien wurde, bis der erste weinte, wird heute die Resilienz mit dem Yoga-Block gefördert. Man könnte das alles auch einfach bei einer Tasse Filterkaffee an der Trinkhalle besprechen, aber das sieht auf Instagram nicht so dynamisch aus.
Aber wofür das alles. Für die Hoffnung. Die Sommerpause ist die einzige Zeit im Jahr, in der der Fan des Ruhrgebietsvereins noch völlig unbeschadet träumen darf. Die Vorbereitungsphase ist wie ein frisch bezogenes Bett. Alles ist möglich. Keine Gegentore, keine Krisensitzungen beim Orthopäden, kein Pfeifkonzert von den Rängen. Man steht mit verschränkten Armen am Geländer des Trainingsplatzes, schaut sich die neuen Spieler an und nickt stumm. Man weiß tief in seinem Inneren, dass ab Mitte September wieder die pure Verzweiflung regieren wird. Dass der Innenverteidiger wieder über seine eigenen Beine stolpert und der Stürmer das leere Tor verfehlt, weil er gerade in Gedanken sein Chakra zentriert. Aber bis dahin ist Sommer. Wir atmen ruhig durch, trinken den lauwarmen Kaffee aus dem Pappbecher und warten auf den Anpfiff. So wie wir auf den Bus warten. Er wird schon kommen, und vermutlich hat er Verspätung.
Glück auf.