Es gibt Dinge, die passen nicht zusammen. Kaviar und Currywurst. Kernseife und Achtsamkeits-Seminare. Oder Bottrop und Hawaii. Ich habe mich da mal hingesetzt und darüber nachgedacht. Da ist dieser Junge, Tyler Smuda. Achtzehn Jahre alt, aus Bottrop-Grafenwald. Und er hat ein Ticket für den Ironman auf Hawaii gelöst. Der jüngste deutsche Teilnehmer. Ein Triathlet. Das bedeutet: Er schwimmt vier Kilometer, fährt 180 Kilometer Fahrrad und rennt danach noch einen kompletten Marathon. Freiwillig.

Wissen Sie, wenn ich in Grafenwald vier Kilometer schwimmen müsste, würde ich mir ernsthaft Gedanken über den Zustand der Kanalisation machen. Aber Tyler macht das. Er schwingt sich auf sein futuristisches Carbon-Rad, setzt den windschnittigen, gelben Helm auf und rauscht mit über 40 Stundenkilometern durch die Felder am Rand des Ruhrgebiets, wo der Pott so langsam ins Münsterland übergeht und die Schlaglöcher aufhören, eigene Postleitzahlen zu haben. Er sagt, er fühlt sich dabei „frei“. Er sagt auch, er liebt es, „seine Grenzen zu verschieben“. Das ist so ein Satz, den man heute sagt. Früher hieß Grenzen verschieben einfach, dass der Nachbar im Schrebergarten seinen Jägerzaun zehn Zentimeter zu weit nach links gesetzt hat und es deshalb beim Schützenfest Tote gab. Heute ist es eine Lebensphilosophie.

Stellen Sie sich das vor. Dieser junge Mann wacht morgens auf und denkt sich nicht: „Och, heute esse ich erstmal drei Mettbrötchen und schaue, wie der Schimmel an der Garagenwand wächst.“ Nein. Er trainiert für Hawaii. Hawaii! Ein Ort, der im kollektiven Bewusstsein des Ruhrgebiets nur als Geschmacksrichtung für labberigen Toast mit Schinken und Ananas aus der Dose existiert. Dort, wo andere Leute in Hawaiihemden am Strand liegen und Cocktails aus ausgehöhlten Kokosnüssen saugen, wird Tyler sich durch die Lavawüste quälen. Schwitzen, Leiden, Dehydrieren. Die Ironie ist ja: Wenn man sich richtig schön quälen will, muss man eigentlich gar nicht in den Flieger steigen. Ein durchschnittlicher Freitagabend im Schienenersatzverkehr zwischen Essen und Bottrop hat ein sehr ähnliches Belastungsprofil für Körper und Seele.

Aber Tyler hat einen Traum. Er ist Europameister der Junioren geworden, in Frankfurt. Das ist die Stadt, in der die Bänker in Wolkenkratzern sitzen und sich fragen, wie sie noch mehr Geld aus Dingen machen können, die es gar nicht gibt. Tyler hingegen macht etwas sehr Reales. Er bewegt sich. Und das seit er dreieinhalb Jahre alt ist. Da hatte er schon das Seepferdchen. In dem Alter habe ich noch versucht, den Unterschied zwischen einem Hund und einem Hocker zu begreifen. Vater Tim war auch Radsportler, erzählt man sich. Fußball ging nicht. „Zwei linke Füße“, sagt Tyler. Ein Segen. Sonst säße er jetzt vielleicht auf der Ersatzbank von RWO und würde zusehen, wie seine Träume im Nieselregen der Regionalliga langsam aufweichen.

Ruhig atmen. Wir müssen uns eingestehen: Es gibt sie noch, die Ausreißer. Die Leute, die sich nicht vom ständigen Grau in Grau unseres Alltags unterkriegen lassen. Die nicht beim ersten Anzeichen von Gegenwind beim Orthopäden ein Attest wegen „Wetterfühligkeit“ verlangen. Tyler aus Bottrop fährt nach Hawaii. Ein bisschen absurd ist das schon. Aber irgendwie auch tröstlich. Während wir hier den gelben Sack falsch einsortieren und uns über asymmetrisch geparkte E-Scooter aufregen, schwimmt da einer, strampelt und rennt. Vielleicht bringt er uns ja wenigstens ein bisschen von der Sonne mit, wenn er zurückkommt. Oder ein gutes Rezept für Toast Hawaii. Das wäre doch was. Glück auf.

Quelle: Original-Artikel: WDR, „Ironman auf Hawaii: Jüngster Deutscher aus Bottrop“ Link: WDR Bericht lesen

Von admin

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