Ich habe mich da mal hingesetzt und die Fahrpläne der Deutschen Bahn studiert. Also, ich habe es versucht. Wissen Sie, zwischen Essen und Gelsenkirchen herrscht seit vergangenem Freitag der Ausnahmezustand. Eine Sperrung. Die Bahnstrecke, jene rostige Nabelschnur, die unsere florierenden Metropolen verbindet, ist dicht. Warum? Weil ein Lastwagenfahrer in Essen-Frillendorf – ein Ort, der so klingt, als hätte man ihn sich für eine Vorabendserie ausgedacht – beschlossen hat, die Elisenstraße als Teststrecke für Materialermüdung zu nutzen. Er fuhr mit seinem Lkw gegen eine Eisenbahnbrücke. Offenbar war das Gefährt zu hoch. Oder die Brücke zu niedrig. Im Ruhrgebiet weiß man das ja nie so genau, das ist wie mit der Henne und dem Ei, nur eben mit Beton und Speditionen.

Nun könnte man meinen, in einem Land, das Autobahnen aus dem Boden stampfen wollte (und es nun nur noch gelegentlich mit Brücken versucht, die dann zehn Jahre gesperrt sind), sei so eine kleine Karambolage ein Randnotiz. Ein Blechschaden, ein bisschen Kehrblech, weiter geht’s. Aber wir sind im Ruhrgebiet. Hier ist eine touchierte Brücke nicht einfach nur ein Hindernis, sie ist ein sofortiges Drama von shakespeareschem Ausmaß. Die Bahn reagierte prompt und tat das Einzige, was sie in solchen Momenten zuverlässig tut: Sie sperrte routinemäßig alles. Die RE 2, die RE 42, die S 2. Alles steht. Die Züge aus Münster stranden nun in Wanne-Eickel. Stellen Sie sich das vor: Sie wollen nach Essen und landen in Wanne-Eickel. Das ist so, als würden Sie ein Ticket für die Malediven buchen und man setzt Sie im strömenden Regen am Wörthersee aus, ohne Schirm.

Man wartet jetzt auf einen Statiker. Ein Statiker! Das ist in unserer Region mittlerweile ein Fabelwesen, vergleichbar mit dem Yeti oder einem pünktlichen ICE. Irgendwann „im Laufe des Tages“ sollte er sich das ansehen, hieß es. Dieser Mann (oder diese Frau) ist jetzt der Dreh- und Angelpunkt für die Mobilität tausender Menschen. Er wird vor dieser Brücke stehen, vielleicht ein wenig am Kinn kratzen, einmal mit dem Knöchel gegen den Beton klopfen und dann entscheiden, ob wir weiterhin mit dem RE 2 fahren dürfen oder ob das Ruhrgebiet in zwei unüberwindbare Kontinente zerfällt. Es ist ein Akt von solch epologischer Tragweite, man müsste eigentlich einen Dokumentarfilm darüber drehen. „Der Statiker von Frillendorf: Wächter des RE 42“.

Bis dieses Orakel sein Urteil gefällt hat, greift natürlich das bewährte Überlebenskonzept: Der Schienenersatzverkehr. Das ist das „Achtsamkeits-Seminar an der Pommesbude“ der Deutschen Bahn. Man nimmt ein Problem von industrieller Größe und bewirft es mit Bussen. Sie stehen dann irgendwo in Gelsenkirchen im Nieselregen, halten einen lauwarmen Kaffee in der Hand, der schmeckt wie die Brühe aus einem verrosteten Heizkörper, und warten auf einen Bus, der sie im Schritttempo über die vollgestopften Straßen nach Essen karrt. Es ist ein Entschleunigungsprogramm, das einem niemand aufzwingt, aber das man trotzdem durchleben muss. Man hat plötzlich sehr viel Zeit, über sein Leben nachzudenken. Über die Kontinentalplatten, die sich vielleicht schneller bewegen als der Verkehr auf der B227. Über die Ewigkeit.

Und so sitzen wir hier, zwischen Essen und Gelsenkirchen, und warten. Wir warten auf den Statiker, wir warten auf den Bus, wir warten darauf, dass der Nieselregen aufhört (er hört nie auf). Es ist ein stoisches Ausharren, eine Übung in Demut gegenüber der fragilen Infrastruktur unserer Heimat. Wenn der Statiker nickt, werden wir wieder fahren. Wenn nicht, tja. Dann werden wir eben noch mehr Bus fahren. Oder zu Fuß gehen. Immer am Gleis entlang, den Blick auf den Boden gerichtet, damit wir nicht auch noch über einen losen Pflasterstein stolpern.

Glück auf.

Quelle: WDR – Brückenschäden im Ruhrgebiet: Bahnstrecke Essen-Gelsenkirchen gesperrt

Von admin

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